Sonntag, 20. August 2017, 15.00 Uhr, LVR-LandesMuseum Bonn

Kafka geht ins Kino

Kafka geht ins Kino_Motiv aus_ Die Weisse Sklavin_Foto_Foerderverein Filmkultur Bonn e.V.
Kafka geht ins Kino_Motiv aus_ Die weiße Sklavin_Foto_Foerderverein Filmkultur Bonn e.V.

Vortrag mit Bildern und Filmausschnitten von Hanns Zischler & Stefan Drößer

Die weiße Sklavin
Den Hivde Slavehandels Sidste Offer
Dänemark / Denmark 1911
Regie / Directed by: August Blom
Darsteller / Cast: Clara Wieth, Lauritz Olsen, Thora Meincke, Otto Lagoni

Nick Winter und der Raub der Mona Lisa
Nick Winter et le vol de la Joconde
Frankreich / France 1911
Regie / Directed by: Paul Garbagni
Darsteller / Cast: Georges Vinter

Rückkehr nach Zion
Shiwat Zion
Palästina / Palestine 1921
Regie / Directed by: Ya’acov Ben-Dov

 

Franz Kafka war ab 1908 ein regelmäßiger Kinogänger. Hanns Zischler hat in jahrelanger Recherche alle Referenzen auf Kinobesuche in Kafkas Schriften, Tagebüchern und Briefen untersucht und zahlreiche Filme identifizieren können. Das Filmmuseum München hat in Zusammenarbeit mit einem Dutzend internationaler Archive alle erhaltenen Filme aufwändig restauriert. Eine unterhaltsame Lesung mit Filmausschnitten, Bildern und Dokumenten zu Kafka und der Frühzeit des Kinos.

Beginning in 1908, Franz Kafka was a regular cinema-goer. For years, Hanns Zischler has researched all references to movie-going in Kafka’s writings, diaries and letters. In ­cooperation with a dozen international archives, the Munich Film Museum has painstakingly restored all the films that survive. An entertaining reading featuring film clips, pictures and documents on Kafka and the early days of cinema.

 

Gern gehen die Frauen auf den Straßen und in den Eisenbahncoupés die merkwürdigsten Verbindungen ein mit denen, die Kafka von den Leinwänden erinnert. Das Fräulein Rehberger zum Beispiel, das auf einem Bildungstrip in Pilsen zu Kafka und Brod stößt, mit ihnen eine nächtliche Autofahrt durch München riskiert und sofort zur Vorlage für eine Figur in einem Roman umfunktioniert wird, den die zwei gemeinsam schreiben wollen. Was Fräulein Rehberger für ihre Romanrolle prädestinierte? Dass sie Kafka an die Heldin des Films DIE WEISSE SKLAVIN erinnert, die naiv ins Prostitutionsgeschäft stolpert; an die Szene, in der diese aus einem Bahnhof kommt und zu einem wartenden Wagen geht und von zwei Männern in diesen gedrängt wird. Kafka nutzte den Materialwert des Kinos, und Hanns Zischler folgt ihm dabei. Am Kinogänger Kafka studierte er, wie das stumme, krude, populäre Kino das moderne Schreiben radikal verwandelt hat.
Fritz Göttler, in: Süddeutsche Zeitung, 18.4.2017

 

Tageskarte 7 €, ermäßigt 5 €