Innovatives Erzählen – Die Filme

Suspense
Suspense

Montag, 16.3. 19 Uhr Innovatives Erzählen 1 (1895-1929)

Le voyage à travers l’impossible (Die Reise durch das Unmögliche) Frankreich 1904 // R: Georges Méliès // B: Georges Méliès nach einer Vorlage von Jules Verne // D: Georges Méliès u.a. // F: 16mm, OV, ohne Zwischentitel, handcoloriert // L: 20 Min.

Suspense USA 1913 // R: Lois Weber, Phillips Smalley // B: Lois Weber // D: Lois Weber u.a. // F: 35mm, OV, ohne Zwischentitel // L: 12 Min.

La coquille et le clergyman (Die Muschel und der Kleriker) Frankreich 1928 // R: Germaine Dulac // B: Antonin Artaud // K: Paul Guichard, Paul Parguel // D: Alex Allin, Genica Athanasiou, Lucien Bataille // F: 16mm, OV, ohne Zwischentitel // L: 34 Min.

The Fall of the House of Usher (Der Untergang des Hauses Usher) USA 1928 // R + K: James Sibley Watson, Melville Webber // B: unter Mitwirkung von E. E. Cummings frei nach Edgar Allan Poe // D: Herbert Stern, Hildegarde Watson, Melville Webber // F: 16 mm, OV, ohne Zwischentitel, Begleitmusik (1959): Alec Wilder // L: 13 Min.

Un chien andalou (Ein andalusischer Hund) Frankreich 1929 // R: Luis Buñuel // B: Luis Buñuel, Salvador Dalí // K: Albert Duverger // D: Simone Mareuil, Pierre Batcheff, Luis Buñuel, Salvador Dalí // F: 35mm, OV // L: 16 Min.

Innerhalb einer Generation erlebte der Film seinen Aufstieg vom ebenso fasziniert wie skeptisch wahrgenommenen neuen Medium zum etablierten Wirtschaftsgut auf der einen und zur avantgardistischen Kunstform auf der anderen Seite. Filmpioniere wie Georges Méliès und Lois Weber erforschten systematisch die erzählerischen Möglichkeiten des Mediums. Georges Méliès setzte sich von den Brüdern Lumière, den französischen „Erfindern“ des Kinos, mit ihren realistischen, wenn nicht dokumentarischen Filmen ab, indem er ein Kino der Verzauberung, der überraschenden Effekte und fantastischen Welten schuf, zu dessen Höhepunkten Le Voyage à travers l’impossible zählt. Lois Weber, die in den späten 1910er Jahren zur wichtigsten – und bestverdienenden – Regisseurin und Filmproduzentin Hollywoods werden sollte, und ihrem Ehemann Phillips Smalley geht es in Suspense um nichts weniger als die genuin filmische Erzeugung von Spannung. Dazu werden neben der damals bereits konventionellen Parallelmontage auch Varianten der inneren Montage wie die Split-screen-Technik eingesetzt oder Spiegeleffekte, die es ermöglichen, bei einer Autoverfolgungsjagd gleichzeitig den Verfolgten und seine Verfolger zu zeigen.

La coquille et le clergyman
La coquille et le clergyman

In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre hatte der Stummfilm eine Virtuosität erreicht, die ein rein visuelles Erzählen erlaubte, das reale ebenso wie fantastische und Traumwelten packend in Szene setzte. Der Film wird zu einer Kunstform, die den Vergleich mit der revolutionären bildenden Kunst der Zeit nicht zu scheuen braucht. Der von der Regisseurin Germaine Dulac nach einem Drehbuch Antonin Artauds gedrehte Film La coquille et le clergyman, der Fantasien von Eros und Eifersucht um einen Geistlichen, eine Frau und einen General mit Mitteln wie Doppelbelichtung, Zeitlupe und assoziativer Montage umsetzt, gilt als erster surrealistischer Film. The Fall of the House of Usher von James Sibley Watson und Melville Webber, an dessen Drehbuch der Dichter E. E. Cummings mitwirkte, erschafft mit expressionistisch-futuristischen Dekors und Schrifteinblendungen, kubistischen Prismen-Effekten und Mehrfachbelichtungen eine Traumwelt, die ihn zu einer besonders eigenwilligen Interpretation der berühmten Erzählung Poes macht. Die sicher radikalste Provokation von Erzählkonventionen in der Stummfilmzeit ist Un chien andalou. Zwischentitel wie im Märchen („Il était une fois“), ein im surrealistischen Wettstreit von Luis Buñuel und Salvador Dalí entstandener, bewusst alogischer „Plot“, Rätselbilder und Schocksequenzen (darunter der legendäre Augen-Schnitt) verbinden sich zu einem Frontalangriff auf Handlungs-, Bedeutungs- und Sehgewohnheiten, der in seiner Intelligenz, seinem kreativen Elan – und auch Humor – seinesgleichen sucht.

L'Âge d'or
L’Âge d’or

Montag, 20.4. 19 Uhr Innovatives Erzählen 2 (1930-1939)

L’Âge d’or (Das goldene Zeitalter) Frankreich 1930 // R: Luis Buñuel // B: Luis Buñuel, Salvador Dalí // K: Albert Duverger // D: Gaston Modot, Lya Lys, Max Ernst, Sprecher: Paul Éluard // F: 35mm, OmU, Tonverfahren: Tobis Klangfilm // L: 60 Min.

Als in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre der Tonfilm „wie eine Katastrophe“ (Béla Balász) hereinbrach, bedeutete dies zwar nicht das Ende des Films als Kunstform. Die technische Innovation machte aber dennoch gewissermaßen eine Neuerfindung des Mediums erforderlich. Zu deren Pionieren zählt Luis Buñuel, der mit L’Âge d’or einen der allerersten französischen Tonfilme drehte. Wie in Un chien andalou irritiert er auch hier mit surrealistischen Bildern und überraschenden Handlungsverbindungen – auf einen Anfang nach Art eines Naturfilms folgen eine Abenteuerhandlung mit einigen Bischöfen und Max Ernst als Räuberhauptmann, dann die Gründung Roms (im Jahr 1930!) und zeitgenössische Dokumentaraufnahmen der italienischen Metropole. Auch fehlt es nicht an Provokationen – für Katholiken, Tier- und Kinderliebhaber sowie überhaupt Anhänger konventioneller Moral. Mindestens ebenso provokant wie derartige blasphemische, amoralische oder satirische Motive dürfte es aber gewesen sein, dass diese hier, um das Thema eines leidenschaftlichen amour fou herum, in einen abendfüllenden Spielfilm integriert werden. Wenige Wochen nach der Premiere verwüstete ein rechter Anschlag das Erstaufführungskino und L’Âge d’or wurde für 50 Jahre verboten.

Spellbound
Spellbound

Montag, 18.5. 19 Uhr Innovatives Erzählen 3 (1940-1949)

Meshes of the Afternoon USA 1943 // R: Maya Deren, Alexander Hammid // B: Maya Deren // K: Alexander Hammid // D: Maya Deren, Alexander Hammid // F: 16mm, ohne Dialog, Begleitmusik (1959): Teiji Ito // L: 14 Min.

Spellbound (Ich kämpfe um dich) USA 1945 // R: Alfred Hitchcock // B: Ben Hecht // K: George Barnes // D: Ingrid Bergman, Gregory Peck // M: Miklós Rózsa // Dekor der Traumsequenz: Salvador Dalí // F: 35mm, OV, s/w mit einer Virage/Einfärbung über zwei Bilder // L: 111 Min.

Mit Hitchcocks Spellbound und Meshes of the Afternoon von Maya Deren und Alexander Hammid konfrontiert das Programm zwei frühe amerikanische Beispiele psychoanalytisch inspirierter Filme. Hitchcock, der neben Orson Welles prominenteste Vertreter eines eigenständig-innovativen Kinos im klassischen Hollywood der 1940er Jahre, legt bei seiner Geschichte um einen Mordfall in einer psychiatrischen Klinik besonderen Wert auf die unkonventionelle Visualisierung eines Traums, die er Dalí anvertraute. Der unabhängig produzierte Experimentalfilm Meshes of the Afternoon wirkt selbst wie ein Traum – oder ein visuelles Gedicht. In der Tradition der Filmavantgarde der 1920er Jahre stehend, scheint er in manchen Bildern bereits auf die irritierenden (Alp-)Träume eines David Lynch vorauszuweisen.

Rashomon
Rashomon

Montag, 15.6. 19 Uhr Innovatives Erzählen 4 (1950-1959)

Rashomon (Das Lustwäldchen) Japan 1950 // R: Akira Kurosawa // B: Akira Kurosawa, Shinobu Hashimoto // K: Kazuo Miyagawa // D: Toshiro Mifune // F: 35mm, OmeU // L: 88 Min.

Ein Verbrechen im mittelalterlichen Japan: eine vergewaltigte Frau, ein toter Samurai – und vier sich widersprechende Zeugenaussagen über den Hergang der Tat. Diesen eigentlich nicht weiter ungewöhnlichen Stoff setzte der japanische Regisseur Akira Kurosawa auf ebenso einfache wie geniale Weise um: Sein Kniff ist die Konfrontation der widersprüchlichen Zeugenaussagen in Form von gleichgewichtigen subjektiven Rückblenden. Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt des Gezeigten wird dabei umso eindringlicher gestellt, als die Protagonisten ihre Zeugenaussagen frontal in die Kamera sprechen und so gewissermaßen das Publikum als Richter anrufen. „Es gibt wenige Filme, die in ähnlichem Maße einen Leitfaden bieten zum täglichen Sehen, Denken und Verstehen der Dinge und Menschen, die uns umgeben“ (Philipp Bühler). Rashomon trug Akira Kurosawa den Auslandsoscar und den Goldenen Löwen ein, führte zu seinem internationalen Durchbruch – und bescherte dem japanischen Kino eine zuvor nicht gekannte Aufmerksamkeit im Westen.

One plus One
One plus One

Montag, 20.7. 19 Uhr Innovatives Erzählen 5 (1960-1969)

Mario Banana II USA 1964 // R + B + K: Andy Warhol // D: Mario Montez // F: 16mm, stumm // L: 4 Min.

One plus One (Eins plus eins) Großbritannien 1968 // R + B: Jean-Luc Godard // K: Anthony B. Richmond // D: Mick Jagger, Brian Jones, Keith Richards, Charlie Watts, Bill Wyman, Anne Wiazemsky // F: 16mm, DF (Rolling-Stones-Sequenzen: OV) // L: 99 Min.

Gibt es eine Epoche der Filmgeschichte, die so sehr mit erzählerischer Innovation assoziiert werden kann, wie die 1960er Jahre? Nouvelle Vague, Nuberu bagu, Cinema Novo, Tercer Cine, New Hollywood, Neuer Deutscher Film – von Frankreich über Japan, Brasilien und Lateinamerika bis in die USA und Deutschland entstehen seit dem Ende der 1950er Jahre weltweit Filmbewegungen, die herrschende Produktionsbedingungen und Erzählkonventionen in Frage stellen. Kaum ein Regisseur ist dabei so weit gegangen wie Jean-Luc Godard: 1967 verkündet er in seinem Film Weekend (nebenbei eine Art Dekonstruktion des Roadmovies avant la lettre) das Ende des Kinos. Der im Folgejahr gedrehte One plus One ist viel mehr als die berühmte Dokumentation der Rolling-Stones-Proben zu “Sympathy for the Devil”. Durch deren Verknüpfung mit politischen Proklamationen und der Off-Lektüre eines Politthrillers entsteht eine Reflexion auf Erzählung, Politik, Kreation und Zerstörung und zugleich ein filmischer Reflex auf die 1968er-Bewegung. – Die hier gezeigte deutsche Synchronfassung mit Christian Brückner (der “deutschen Stimme” von Robert De Niro) als Off-Erzähler ist inzwischen selbst ein Zeitdokument.

Vorschau Innovatives Erzählen II (2015/2): Eraserhead, Drowning by Numbers, Smoking/No Smoking, Timecode

 

Weitere Informationen:

Zum Filmclub: Filmclub

Zur Filmreihe Innovatives Erzählen (Konzept, Praktische Informationen, Veranstalter, Kontakt, Flyer): Innovatives Erzählen

Zum aktuellen Termin: Innovatives Erzählen 1-5