Freitag, 24. August 2018, Arkadenhof der Universität Bonn

Ben Hur

Ben Hur_Foto: Foerderverein Filmkultur Bonn e.V.
Ben Hur_Foto: Foerderverein Filmkultur Bonn e.V.

USA 1925
Regie / Directed by: Fred Niblo
Länge / Running time: 62 min
Musik / Music by: Günter A. Buchwald (piano & violin) & Frank Bockius (percussion)

Die Dreharbeiten zum teuersten Stummfilm aller Zeiten dauerten zwei Jahre und spreng­ten alle Grenzen. Allein für das vor großer Kulisse real stattfindende Wagenrennen wurden 42 Kameras eingesetzt. Viele Sequenzen wurden im überaus teuren und komplizierten Zweifarbtechnicolor-Verfahren aufgenommen. BEN HUR beeindruckt bis heute als fesselnde Superproduktion, die ein Welterfolg war, aber aufgrund der hohen Kosten kaum Gewinn einspielte. Dennoch lohnte sich das Projekt für die Produzenten: Es etablierte den Ruf von MGM als mächtigstes Studio der Welt, das in den folgenden Jahrzehnten Hollywood dominierte. Das Remake von 1959 übertraf den Film an Überlänge um eine Stunde und erhielt 11 Oscars, die es 1925 noch nicht gab. Doch der ersten Verfilmung konnte es außer technischen Neuerungen wie 6-Kanal-Magnetton, Breitwand und Dreifarbtechnicolor nichts Wesentliches hinzufügen.

 

Niblo hat mit dem feinen Gefühl eines schöpferischen Künstlers die Monumentalszenen nur als ungeheuren Rahmen einer ergreifenden Handlung gestaltet, die nicht nur unser Auge, sondern auch unsere Seele packen soll. Organisierte Masse und fein abgestufte Einzeldarstellung greifen lückenlos ineinander. Mit großem Geschick ist Bibel und Romanhandlung verschmolzen, in Anlehnung an große malerische Traditionen bringt Niblo berühmte Szenen wie Abendmahl und Predigt am Ölberg. Dabei will er Jesus nicht auf die Leinwand bringen und überwindet die Schwierigkeit durch geschick­te Teilaufnahmen. Es ist vielleicht die bedeutendste Regie­leistung Niblos in diesem Film, dass fast unmerklich immer wieder der Faden aus dem grandiosen Massenbild zum Schicksal der Einzelnen führt. Und hier ist alles menschlich, man spürt, dass Niblo die historische Pose vermeidet und die Gestalten umdichten möchte zu Menschen unseres Fühlens.

Lichtbild-Bühne, 7.9.1926

Mit wenigen Ausnahmen wie dem Einzug von Ben Hur in Rom sind die in Technicolor realisierten Teile den biblischen Szenen vorbehalten. Im Unterschied zu den teilweise äußerst dynamischen und in die Tiefe des Raums inszenierten Sequenzen in Schwarz-Weiß, Virage oder Tonung sind die Technicolor-Fragmente frontal wie Tableaus aufgebaut. Sie greifen Traditionen der Bildkomposition auf, die aus der sakralen Kunst vertraut sind, in denen die spirituelle Symbolik die bildliche Anordnung bestimmt. Wie in den späteren Technicolor-Filmen ist das Licht wenig expressiv eingesetzt und unterstützt die malerische, flächige Wirkung des Bildes. BEN HUR ist bis heute ein monumentales Faszinosum geblieben, ein grandioses Spektakel, in das die mimetischen Farben eine bemerkenswerte Schicht einziehen. Aber eigentlich bleiben sie in dem Film ein Fremdkörper, wenn auch ein Fremdkörper mit einer attraktiven Anmutung.

Barbara Flückiger, in: Glorious Technicolor, Berlin 2015